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Im Auge des Sturms – oder auch: Was Graffiti mit intrinsischer Motivation, Übersetzung und einem gefangenen Zander zu tun hat

, by Katja Glaser

Prolog

Dieser Text wird einige Leser:innen enttäuschen. Im Fokus steht nicht das Bild, nicht das fertige Piece und vermeintliche Endresultat. Das Bild ist hier zunächst irrelevant. Austauschbar.

Style? Keine hier relevante Kategorie. Und doch liefert Graffiti unweigerlich den Kontext.
Der Text richtet seinen Blick vielmehr auf das Davor und Danach. Dieses Davor wird im Folgenden „Exploring“ genannt. Danach folgt die Dokumentation.

Die inhaltliche Basis für diesen Text lieferte HOPE von der OH-Crew. Vielen Dank für das nette Gespräch und den offenen Austausch!


Exploring

„Wenn ich mir überlege, wie viel Zeit ich dafür [gemeint ist Graffiti, Anm. der Autorin] früher investiert habe – einerseits gedanklich, andererseits in der tatsächlichen Auseinandersetzung –, spielt die Entwicklung des eigentlichen Styles für mich im Rückblick eine komplett untergeordnete Rolle. Das Wichtigste war für mich: Zugmodelle zu recherchieren, Satellitenbilder von Train Yards auszukundschaften, mir zu überlegen, wie man da reinkommt, sich dann vor Ort die Takte der Züge zu veranschaulichen, und, und, und. Das Malen selbst ist dann eher ein Handwerk, das ganz kurz stattfindet, aber alles, was drumherum passiert, ist für mich als Person viel umfassender und viel relevanter. Für mich ist das Exploring. Exploring Europe and beyond.“



Dass Graffiti nicht über seine Bildlichkeit zu erklären ist, unterstreicht auch Moritz Klein in seinem Aufsatz „Graffiti ist Mord“. Für ihn ist Graffiti keine bildherstellerische Tätigkeit; entscheidend ist vielmehr der Weg dorthin: die Handlung, das Erleben, der Moment. Das Bild – oder genauer: seine fotografische Dokumentation – ist allenfalls ein materielles Nebenprodukt, eine visuelle Spur dieser Tätigkeit. [1]

Dazu ist zu sagen: Ja. Und ja.  

Wir befinden uns somit Mitten im Diskurs um die ‚losgelöste‘ Bildlichkeit von Graffiti. Oder anders ausgedrückt: im Davor und Danach.

Für HOPE gilt das zuvor beschriebene Exploring dabei umfassend, in jeglicher Hinsicht: „Es gibt ja auch so eine Art ‚Train-Tourismus‘. Leute fahren irgendwohin, rufen dann den ‚Lokalmatador‘ an und sagen‚ wir kommen dann und dann in deine Stadt; bitte nehmt uns mit. Für mich kam das selten in Frage. Ich wollte mir das bestenfalls selbst erarbeiten. Mir war immer wichtig, zu gucken, wie ich mein antrainiertes Wissen auf andere Situationen anwenden kann. Vielleicht mit weniger Outcome, aber das war mir egal. Das siehst du natürlich dem Zug nicht an, aber ich weiß es. Und deshalb habe ich auch eine ganz andere Form von Respekt für die Leute, die sich das selbst erkämpft haben.“ Und er fügt hinzu: „Immer nur die gleichen Sachen zu machen, ist für mich todlangweilig. Horror!“ HOPEs Graffitipraxis geht somit stets mit einer gewissen Transfer- und Übersetzungsleistung einher. Verkürzt gesprochen, stellt er sich also jedes Mal die Frage: Wie schaffe ich es, das Wissen über Infrastruktur A, B und C (und viele andere) auf Infrastruktur D zu übertragen? Welches über Jahre erlernte Wissen spule ich nach bekannter Manier ab und wo sind orts- und situationsspezifische Anpassungen vorzunehmen? Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass die Produktionsbedingungen eines Graffiti-Pieces ein zentrales Bewertungskriterium darstellen. Denn diese bestimmen die Wertigkeit des Endprodukts maßgeblich mit, inklusive aller Vorarbeiten wie dem Exploring.[2] HOPE spezifiziert: „Ich setze mich beispielsweise an den Bahnhof und gucke, zu welcher Uhrzeit welcher Zug fährt. Und als Nächstes schreibe ich mir auf, wann die Putzer in die Abstellung kommen und wann sie wieder gehen […]. Außerdem: zu welchem Zeitpunkt es hell genug ist für ein Traffic-Foto morgens. Es bringt mir nichts, wenn ich den Zug Nummer 1 male, der im Dunkeln rausfährt, sondern ich muss den Zug Nummer 3 malen, der im Hellen rausfährt, damit ich ein gutes Foto machen kann, auch wenn er für meine Tätigkeit ungünstiger abgestellt wurde. Das ist die Arbeit, die man da halt reinstecken muss, sonst funktioniert das nicht.“


Störung

Um zu verstehen, wie es zu dieser Praxis kam, muss man ein paar Jahre in HOPEs Biografie zurückgehen. „Ich hab mich früher, als ich jung war, sehr intensiv mit Buchstaben und Style beschäftigt. Ich war wirklich so ein Nerd-Kind. Ich saß abends in meinem Kinderzimmer und hab vier Stunden ein S gezeichnet. Bis es genauso war, wie es sein sollte. Erst dann fing ich an draußen Bilder zu malen und ich überlegte mir sehr genau: Wo male ich, mit wem, wie. Es hat quasi eine Art Verschiebung stattgefunden und das Piece rückte immer mehr in den Hintergrund.“



Für HOPE gibt es dabei nur ganz oder gar nicht: „‚Ich geh mal ein bisschen Sprühen‘ gibt es für mich nicht. Wenn ich oder wir sprühen gehen, dann machen wir das richtig. Dann malen wir das größte und das bunteste Bild – dort, wo wir es haben wollen! Vielleicht ist das ungesunder Perfektionismus, ich weiß nicht. Aber wenn ich emotional bei einer Sache bin, dann muss ich das auch richtig konsequent machen.“ Und er fügt hinzu: „Ich glaube, dass es sehr vielen so geht. Sonst würdest du das doch nicht alles auf dich nehmen. Ich bin beispielsweise früher oft nicht auf Partys gewesen, auf denen man hätte sein sollen, weil ich die Nacht davor nicht geschlafen hatte. Ich hab mir den Arsch in irgendwelchen Büschen abgefroren. Ich saß vier Stunden irgendwo in einem matschigen Loch und hab irgendwem zugeguckt, wie er einen Zug putzt. Also diese Leidensfähigkeit, die muss irgendwo herkommen. Das machst du ja nicht mal so nebenher. Andere haben die Beziehung zu ihrer Freundin riskiert oder zu ihren Eltern. Das kannst du nur aushalten, wenn du das unbedingt willst.“

Gleichzeitig, und hier wird es nun wesentlich, geht es beim Graffiti – bzw. im Speziellen beim Train-Writing – natürlich auch um das Knacken des Systems. Es geht darum, in ein System einzudringen, das nicht für einen bestimmt ist. Lautlos, und auf Zehenspitzen. Zerstörung spielt dabei keine Rolle; entscheidend ist vielmehr, die Mechanismen des Systems für einen Moment auszuhebeln, zu stören, und diese Störung innerhalb des Systems zur Schau zu stellen. [3] Wie ein Hacker – ein Offline-Hacker [4] –, der die Sicherheitslücken kennt und sie nutzt, ohne dass das System zusammenbricht. Im Gegenteil: Durch den Eingriff wird es komplexer. Und das ist gut so. Denn wer will schon in einer Welt leben, in der sich alles in schwarz oder weiß, drinnen oder draußen, klein oder groß klassifizieren lässt? Die spannendsten Geschichten spielen sich in den Grauzonen ab – dort, wo die Grenzgänger:innen zuhause sind, ihr eigenes Spiel spielen und das System so lebendig halten. Alles andere wäre Stagnation.

HOPE beschreibt es als Machtdemonstration: „Man taucht in ein System ein, man sucht sich die Lücken und nutzt diese. Das ist schon ein sehr erhabenes Gefühl, ehrlich gesagt. Und wenn du den Zug dann auch noch fahren siehst, das ist die Endstufe. Das ist jedes Mal ein Schlüsselmoment: wenn du am Bahnhof stehst und deine S-Bahn fährt ein.“ Dies lässt erahnen: Selbst in scheinbar streng kontrollierten Systemen gibt es taktische Freiräume oder Schlupflöcher, innerhalb derer die Mechanismen der Disziplinierung unterlaufen oder umgedeutet werden können.[5] Die Folge: Aus Disziplin wird eine im System zur Schau gestellte Anti-Disziplin. Und HOPE ergänzt: „Manche Leute malen 10 Minuten, manche 20 Minuten, manche eben gleich Stunden. Und dann fährt z.B. das 2-Stunden-Bild ein, das ist so ein Glücksmoment. Das ist schwer zu toppen.“



Dabei ist klar, dass das Knacken des Systems stets mit einem politischen Momentum einhergeht; von plakativen Begleitbotschaften hält HOPE jedoch nicht viel – vielmehr ist Subtilität gefragt: „Es ist per se politisch ein System zu beobachten, zu protokollieren und dann die Lücke zu nutzen. Natürlich ist das politisch, das ist ja ein Statement. Einem System zu zeigen, wo die Grenzen der totalen Kontrolle liegen.“ Der malerische oder bildherstellerische Ausdruck rückt damit erneut in den Hintergrund. Oder wie Moritz Klein es pointiert formuliert: Das Bild generiert aus sich selbst heraus keinen ästhetischen Mehrwert; es ist eher Trophäe als Bild. Es verweist auf den Sieg des Writers, der damit signalisiert: Ich habe es geschafft. Ich habe gewonnen.[6] Als zentrale Motive dieser Praxis benennt Klein Grenzerfahrung, Leistung, Competition, Unterhaltung, Adrenalin, das urbane Abenteuer.[7] Und die Bedeutung des Adrenalins bestätigt auch HOPE. Zugleich verweist er auf dessen ambivalente Wirkung: Die intensive emotionale Erfahrung sei keineswegs leicht zu verarbeiten oder hinter sich zu lassen. „Dopaminsucht? Vielleicht“, so HOPE.


High-End-Kunstköder-Angeln auf Zander

Wie sich dieses System-Knacken nach über 25 Jahren Graffiti für HOPE anfühlt? „Stell dir vor, du bist einen kurzen und erhabenen Augenblick im Auge eines Sturms. Du kämpfst dich erst mit aller Kraft in diesen Sturm hinein und wenn du ganz in der Mitte bist, dann ist es urplötzlich still. D.h. du gehst ganz bewusst in diese Situation rein und anfangs bist du wahnsinnig gestresst. Du bist dir jederzeit der Konsequenzen bewusst, die damit einhergehen können. Das erhöht deinen Dopaminlevel. Erst wenn die ersten Linien gemalt sind, fällt die Anspannung ab und bildet einen enormen Kontrast zu den Minuten oder gar Stunden zuvor. Das zu meistern und auszuhalten, das ist schon sehr geil und birgt ein enormes Suchtpotential. Hinzu kommt: Meistens hast du sehr wenig Platz beim Malen. Das Bild ist 8 Meter lang, aber du selbst hast eigentlich nur einen Meter Freiraum hinter dir zum nächsten Zug oder Zaun. Du kannst nicht zurückgehen und gucken, ob die Proportionen stimmen. Und wenn du in dieser Situation in der Lage bist, das abzuliefern, was du jahrelang geübt hast, das ist einfach extrem befriedigend. Das erfährst du aber häufig erst am nächsten Tag, dann fährt die Überraschungskiste und du siehst, was du fabriziert hast.“

Mittlerweile hat sich HOPE vom aktiven Graffiti-Writing etwas gelöst und übersetzt seine Praxis zum Beispiel ins Angeln: „Ich geh zurzeit gerne angeln, Kunstköder-Angeln auf Zander, häufig spät nachts. Das heißt, ich nehme weite Wege und auch Hindernisse in Kauf, um an Stellen zu angeln, wo sonst keiner hingeht. Weil die Leute eben genau dort nicht hinkommen. Das heißt, ich hab das Game jetzt ein bisschen übersetzt hin zu einer altersgemäßen und familienfreundlicheren, aber für mich nicht langweiligen Alternative. Ist super spannend – aber auch super nerdig!“ Dazu muss man wissen: „Ich hab mit 14 Jahren einen Angelschein gemacht, dann hab ich das komplett vergessen. Und als ich aufgehört hab zu sprühen – bin ich wie ein Bekloppter angeln gegangen – quasi als selbstverschriebenes Methadonprogramm. Und wie gesagt: Ich geh halt nicht irgendwie angeln, ich setz mich nicht an den Fluss und werf da meine Angel rein und trink ein Bier und warte. Sondern ich arbeite mit High-End-Tackle aus Japan oder USA und angle nachts aktiv gezielt mit modernen Kunstködern auf eine ganz bestimmte Raubfischart. Dazu mache ich ordentlich Strecke und nutze moderne Echolotdaten zur Auskundschaftung der Gewässerbodenstruktur, da sich die Raubfische nicht linear auf den Wasserkörper verteilen, sondern nur an ganz bestimmten Strukturen leben und jagen, die es zu erkennen gilt.



Ob er durch Graffiti einen Angelvorteil hat?
„Klar gibt es den“, bestätigt HOPE „auch hier ist gute Vorbereitung alles und eine gewisse Leidensfähigkeit und Bereitschaft zur Grenzüberschreitung erledigen den Rest. Mit Schlafmangel umgehen zu können, ist auch nicht ganz verkehrt.“

Was von all dem bleibt? Ein Foto – vom Piece. Oder vom Fisch. Denn: „Es ist schon so – wenn du kein Foto hast, hast du halt kein Foto. In spätestens zehn Jahren hast du es vergessen, der Rest der Welt vergisst noch schneller.“


Abspann und Kontext:

Dieser Text ist kein klassisches Künstlerporträt, sondern das Ergebnis eines längeren Gesprächs – bei dem bewusst Vieles offen gelassen wurde. Die Fragen der Autorin bilden den Rahmen, sind jedoch nur initiale Impulse. Im Fokus des Gesprächs stehen diejenigen Themen, die mein:e Gesprächspartner:in beschäftigen, die für sie oder ihn relevant sind.

Im Gespräch mit HOPE kristallisierten sich ad hoc mehrere spannende Themen heraus, eines davon wurde im obigen Text bearbeitet: Exploring. Unvollständig und subjektiv, um einen punktuellen Blick auf den Graffiti-Kosmos zu werfen, der heterogener und vielschichtiger kaum sein könnte. Möglicherweise leiten sich von diesem Text weitere Themen, Perspektiven oder Gesprächspartner:innen ab – als Ergänzung oder Gegenentwurf. Wir werden sehen: Alles kann, nichts muss.

Mein Dank geht an HOPE für die Gesprächsbereitschaft, die Offenheit und das Vertrauen in ein potenzielles Resultat, das seiner Redegation Stand hält.


Anmerkungen

[1] Vgl. Klein, Moritz: „Graffiti ist Mord“, in: Zugriff. Schriften zum visuellen Ungehorsam (hrsg. von Robert Kaltenhäuser), Nr. 1/November 2013, S. 12. Ich selbst habe auf diesen vermeintlichen Trugschluss bereits ebenfalls diverse Male hingewiesen, siehe dazu exemplarisch Glaser, Katja: „Graffiti cannot be deciphered with the eyes, it can only be read by the soles of the feet“, in: Graffiti. Interdisziplinäre und kontemporäre Perspektiven (hrsg. von Friederike Häuser), Beltz Juventa, 2021, S. 62-81.

[2] Vgl. Klein 2013: 13.

[3] Die Idee, Systeme nicht zu zerstören, sondern ihre Lücken kreativ zu nutzen, erinnert an die beiden französischen Soziologen bzw. Philosophen Michel de Certeau und Michel Serres. De Certeau beschreibt, wie Menschen im Alltag taktisch handeln – etwa wie Fußgänger:innen sich eigene Wege durch die Stadt bahnen, statt sich an vorgegebenen Pfaden zu orientieren. Serres spricht von „Parasiten“, die Systeme stören, um sie produktiv zu verändern. Beide zeigen: Echte Veränderung entsteht oft dort, wo Regeln nicht gebrochen, sondern klug umgangen oder umfunktioniert werden. Vgl. De Certeau, Michel (1988): Die Kunst des Handelns, Berlin sowie Serres, Michel (1987): Der Parasit, Frankfurt a.M.

[4] Vgl. OH-Crew.

[5] Vgl. De Certeau 1988: 16.

[6] Vgl. Klein 2013: 13.

[7] Vgl. ebd.


Katja Glaser
Katja Glaser has a doctorate in media studies and works as a freelance author and copywriter in Cologne. She has already published numerous essays on street art and graffiti. Her monograph “Street Art and New Media. Actors – Practices – Aesthetics” was published by transcript in 2017.

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