Zwischen Wand und White Cube: Warum „Same Difference“ mehr ist als Street Art im Galerieraum
23.–30. Mai 2026
Finissage: Samstag, 30. Mai 2026, 17 Uhr
MOM art space, Valentinskamp 34a, Hamburg
Kuratiert von Lara Bader, freie Kuratorin und Kunstvermittlerin
Initiiert von ZONENKINDER Collective
Street Art trifft auf Post-Graffiti, Wandarbeit auf White Cube, urbane Oberfläche auf räumliche Setzung: SAME DIFFERENCE untersucht die Verschiebung ästhetischer Strategien zwischen öffentlichem Raum und institutionellem Kontext. Ausgangspunkt ist die Frage, wie sich Wahrnehmung, Materialität und Lesbarkeit verändern, wenn künstlerische Praktiken ihren ursprünglichen Ort verlassen – und welche Elemente dabei bestehen bleiben.
Der Ausstellungstitel formuliert zugleich Annäherung und Differenz. Gemeinsame Bezugspunkte der gezeigten Positionen liegen in der Auseinandersetzung mit Stadt, Architektur, Typografie und Oberfläche. Im Wechsel vom Außenraum in den Galeriekontext werden diese Parameter jedoch neu organisiert: Sichtbarkeit verschiebt sich in Richtung Betrachtung, Eingriff wird zu Setzung, Flüchtigkeit zu Konzentration.





Ausgangspunkt der Ausstellung ist das Mural-Projekt the WALL+ im Hamburger Gängeviertel, welches das ZONENKINDER Collective seit 2024 als offenen Experimentierraum für zeitgenössische Wandmalerei entwickelt. Viele der beteiligten Künstler*innen waren bereits Teil des Projekts oder stehen in engem Bezug dazu.
Das Besondere an dem Projekt war für mich, dass die Auswahl der teilnehmenden Künstler:innen quasi schon stand, bevor ich von dem ZONENKINDER Collective eingeladen wurde, die Ausstellung im MOM art space zu kuratieren. So habe ich meine Hauptaufgabe darin gesehen, durch die Wahl der Werke und ihre Positionierung im Raum eine Art Storyline zu erstellen, die den Bezug zu the Wall+ aufrechterhält und gleichzeitig Raum bietet für die einzelnen künstlerischen Positionen und ihre jeweiligen Themen, sagt Lara Bader. Die Ausstellung SAME DIFFERENCE versteht sich somit weniger als Übertragung urbaner Praktiken in den White Cube, sondern vielmehr als Gegenüberstellung unterschiedlicher Bild- und Öffentlichkeitslogiken.
Besonders deutlich wird dies in den Arbeiten von Mina Mania und Stohead, die im Frühjahr 2026 gemeinsam ein Wandbild im Außenraum realisierten. In ihren figurativen Setzungen und kalligrafischen Abstraktionen entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen Lesbarkeit und Zeichenhaftigkeit. Fragen nach Aneignung, Sichtbarkeit und Präsenz im öffentlichen Raum werden dabei nicht illustrativ verhandelt, sondern über Schrift, Form und Platzierung selbst sichtbar gemacht. Auch in ihren Grafiken, die sie im Innenraum zeigen, erscheint Urban Art weder romantisiert noch entpolitisiert, sondern als Kommentar, Störung und Forderung nach Sichtbarkeit. Mina Manias „Nana“ ist ein Symbol für Kraft und weibliches Empowerment, das besonders im Kontext einer häufig männlich dominierten Street-Art-Szene als feministisches Statement interpretierbar wird und Bezüge zur klassischen Kunstgeschichte aufweist.
Innerhalb des Galerieraums bleibt der Bezug zur Wand immer wieder bestehen. N.O. Madski überführt mit seiner Werkserie Glypholyth Elemente des Style Writings in skulpturale Formen aus Wachs. Schrift erscheint hier nicht mehr als flüchtige Markierung, sondern als plastischer Körper. Das Material verweist zugleich auf Transformation und Vergänglichkeit – Eigenschaften, die auch urbane Wandarbeiten prägen, die sich durch Zeit, Überlagerung und Witterung kontinuierlich verändern.
Mit dem TREE PROJECT verschiebt das ZONENKINDER Collective den Blick auf organische Strukturen im Stadtraum. Holz wird zum Bildträger, natürliche Oberflächen zum Ausgangspunkt malerischer Eingriffe. Wahrnehmung entsteht hier über das Auffinden von Formen und Gesichtern im Material selbst. Gleichzeitig öffnen subtile kunsthistorische Referenzen Verbindungen zwischen urbaner Bildpraxis und tradierter Malerei.
Solweig de Barry arbeitet mit einer reduzierten Bildsprache zwischen Zeichnung und Malerei. Linien, Leerstellen und fragmentierte Formen erzeugen offene Bildräume, die weniger narrativ funktionieren als über Rhythmus und Setzung. Obwohl ihre Praxis nicht unmittelbar aus Street Art hervorgeht, entstehen durch wiederholte Arbeiten im Außenraum Überschneidungen im Umgang mit Fläche, Maßstab und räumlicher Wahrnehmung.












Auch Johannes Mundinger untersucht in seinen Arbeiten Fragen von Raum und Perspektive. Architektonische Fragmente, Fensterstrukturen und landschaftliche Andeutungen bleiben bewusst uneindeutig. Innen und Außen erscheinen weniger als feste Kategorien denn als visuelle Zustände. Malerei wird dabei zugleich Bildraum und Oberfläche. Gefragt, nach wie sich seine Herangehensweise je nach Raum und Kontext verändert antwortet er:
Kunst im öffentlichen Raum ist für alle sichtbar, und ich finde, damit hat sie eine höhere Wirkung, weil sie Menschen erreicht die nie ins Museum oder eine Galerie gehen würden. Im Gespräch mit Passant:innen oder den lokalen Trinker:innen merke ich immer wieder, dass meine Arbeit hier wirklich einen Prozess anstößt, gerade bei ganz abstrakt wirkenden Bildern. Im Ausstellungsraum dagegen bringen die Menschen in der Regel eine Schublade voller Vorkenntnisse mit – und tatsächlich ist hier Malerei ja eher eine der weniger progressiven Spielarten der Kunst. So fällt es mir leichter, Murals im öffentlichen Raum eine Relevanz zuzusprechen.
Alesh One entwickelt seine Figuren aus geometrischen Segmenten und comicartigen Verdichtungen. Die Serie Kings of Nothing entstand ursprünglich im Kontext pandemiebedingter Kulturschließungen und erhält vor dem Hintergrund aktueller kulturpolitischer Entwicklungen neue Lesbarkeit. Zwischen Maske, Zeichen und Figur entstehen Bildräume, die gesellschaftliche Spannungen ebenso aufnehmen wie Fragen nach Sichtbarkeit und kultureller Teilhabe.
Moritz G. Green verbindet Typografie mit räumlicher Abstraktion. Buchstabenfragmente und architektonische Elemente überlagern sich zu offenen Kompositionen, in denen Lesbarkeit stets im Übergang bleibt. Farbe und Form funktionieren dabei sowohl als autonome Setzungen als auch als Hinweise auf größere räumliche Zusammenhänge.
Eine andere Form der Übersetzung zeigen Bart Van Kersavond und CREAM in ihrer gemeinsamen Installation. Ausgangspunkt sind Fotografien urbaner Strukturen in Marrakesch, die durch Vergrößerung, Farbverschiebung und Cut-Out-Techniken weiterbearbeitet werden. Im Zusammenspiel von fotografischer Oberfläche und grafischem Eingriff entstehen Bildräume zwischen Dokumentation und Abstraktion.
OFFBEAT wiederum verbindet urbane Formsprachen mit materialorientierter Objektarbeit. Seine Wandobjekte bestehen aus wiederverwendbaren Baumaterialien und reagieren sensibel auf Licht, Umgebung und räumliche Konstellationen. Die Arbeiten thematisieren Wiederholung, Kreislauf und architektonische Struktur ebenso wie Fragen nachhaltiger Materialpraxis.
SAME DIFFERENCE zeigt Street Art und Post-Graffiti damit nicht als klar definierte Stilbegriffe, sondern als vielschichtige Formen räumlicher, sozialer und ästhetischer Aushandlung. Der Wechsel zwischen öffentlichem Raum und institutionellem Kontext erscheint nicht als Gegensatz, sondern als produktive Verschiebung: Schrift wird Objekt, Oberfläche wird Bildraum, urbane Intervention wird kuratorische Setzung. Gerade in dieser Bewegung zwischen Nähe und Differenz liegt die zentrale Spannung der Ausstellung.






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