Zum Hauptinhalt springen

Art & Place Konferenz in Saarbrücken – Ein Rückblick

, by Katja Glaser

Vom 01. bis 04. Mai 2025 fand in Saarbrücken die Art & Place Conference statt. Sie brachte führende internationale Expert:innen aus den Bereichen Street Art, Graffiti und Kunst im öffentlichen Raum zusammen, um sich über aktuelle Entwicklungen und (neue Perspektiven auf) historische Lesarten auszutauschen. Im Fokus stand insbesondere auch die Ortsbezogenheit (site specificity) der Kunstformen sowie daran anschließende Praktiken. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Unlock Bureau (Javier Abarca), der Stiftung Wissensart (KP Flügel) und Kunsthistoriker Dr. Ulrich Blanché von der Universität Heidelberg, der parallel dazu die Ausstellung „ILLEGAL: Street Art Graffiti 1960-1995“ im Historischen Museum Saar kuratierte. Ein vielseitiges Rahmenprogramm begleitete die Veranstaltung; dieses umfasste u.a. Filmvorführungen im Saarbrücker Programmkino Achteinhalb, eine Buchmesse (Unlook Book Fair, Le Gran Jeu, u.a.), Kunst-Interventionen (OX, Antonio Gallego, Mathieu Tremblin) sowie Führungen durch ausgewählte Schauplätze wie die Völklinger Hütte und die zuvor genannte „Illegal“-Ausstellung.



Vielfältiges Vortragsprogramm: Von Ästhetik über Aneignung bis Institutionalisierung

Die mehr als 20 Referent:innen aus Europa, Amerika und Australien – darunter auch Barrett Zinn Gross alias Vandal, der legendäre New Yorker U-Bahn-Sprüher der 1970er Jahre – präsentierten eine Vielzahl an Perspektiven auf Street Art und Graffiti: von der Ästhetik weiblicher Street Art in Russland über Outsider Art und Interventionen im öffentlichen Raum über Cultural Jamming, musikalische Verflechtungen bis hin zu Gentrifizierungs- und Aneignungsbestrebungen. Das Konferenzthema, die Ortsbezogenheit von Street Art und Graffiti, stand dabei mal mehr, mal weniger im Fokus.

Offensichtlich wurde der Bezug in der ersten Session „Abstract paintings on trains“. Nicolas Ciarlone beleuchtet dort das Verhältnis zwischen Schienen-Infrastruktur und Train-Writing am Beispiel der Zugmalereien von Cannolo Merce – mit speziellem Blick auf Produktionsstätten, Produktionspraktiken und Ästhetiken. Charakteristisch für Merces Zugmalereien sei eine absolut schlichte Linienführung, die sich in monochromatischen und minimalistischen Werk(serien) verdichte. Formalästhetisch, so Ciarlone, handele es bei Cannolo Merces Zugmalereien explizit nicht um abstraktes Graffiti. Vielmehr spiegelten sie die lineare Infrastruktur des Eisenbahnsystems wider – oder wie Ciarlone formulierte: „they echo the site of production.“ Ortsbezogenheit zeigte sich aber nicht nur in der Ästhetik, sondern auch in den zugrundeliegenden Produktionspraktiken. So erfordere es spezielles Wissen, um die Schieneninfrastruktur zu begehen und mit ihr zu interagieren: Eingänge müssten gefunden, teils lange Wege zurückgelegt werden und der Rhythmus der Schritte an die vorherrschenden Begebenheiten (z. B. Gleise) angepasst werden. Die Infrastruktur orchestriert das Werk somit nicht nur auf formalästhetischer Ebene mit, sondern hat auch eine körperliche bzw. produktionsästhetische Dimension. Abschließend stellt Ciarlone die Frage: Kann man bei derartigen Produktionsstätten also wirklich noch von öffentlichem Raum sprechen? Und wenn nicht, was ist es dann?



Luca Giocosa knüpft hieran und bringt noch eine weitere Dimension ins Spiel. Die Fotografie. Als Fotograf begleitet er einen befreundeten Writer bei dessen Aktionen und entwickelt dabei eine ganz spezielle Verbindung zu Orten – sei es der nächtliche, nebelumwobene Train Yard, der einen ganz speziellen Einsatz von Licht und Schatten verlangt oder die Bahnhofstation, an der er manchmal stunden-, gar tagelang ausharrt bis er das gewünschte Objekt – den gemalten Zug – vor die Kameralinse bekommt. Für Giacosa findet das Kunstwerk seinen Abschluss erst in der fotografischen Dokumentation, die Zeit, Ort und emotionale Situation fixiert.

Hitzig wurde die Diskussion insbesondere beim Abschlusspanel zum Thema Institutionalisierung. Die Panelisten diskutierten dort was eine gute Kuration ausmacht, wie sich ‚die Straße‘ in den Innenraum übersetzen lässt (oder eben auch nicht) und welche aktive Rolle Institutionen im Ökosystem Street Art und Graffiti zukommt. Ist ein (freier) Kurator per se ein Vertreter der Institution? Oder ist dieser nicht genauso abhängig von den strukturellen Rahmenbedingungen des Systems Kunst, Stadt, etc.? In welchem Spannungsverhältnis bewegt er sich und welche Erwartungen und Zuschreibungen gilt es auszutarieren – ohne die eigenen Überzeugungen und Werte über Bord zu werfen? Letztlich standen mehr Fragen im Raum als Antworten – diese boten aber einige erfrischende Gedankenanstöße.

Das Abschlusspanel spitzte somit letztlich zu, was sich bereits im vorherigen Panel zu „Street Art und Gentrifizierung“ abzeichnete: Um Street Art und Graffiti verstehen zu können, braucht es weitaus mehr als eine (rein) formalästhetische Analyse. Vielmehr ist die Betrachtung ihrer Orts- und Situationsbezogenheit und der sie umspannenden Praktiken der Produktion, Rezeption, (Wieder-)Aneignung, Instrumentalisierung und Institutionalisierung unumgänglich. Dies schließt die Betrachtung ihrer Verlängerung in den medialen Raum mit ein. Der Konferenzthema adressierte somit von Beginn einen der zentralen Bruchstellen in der Diskussion um Street Art und Graffiti, indem es die Ortsbezogenheit und ihre vielschichtigen Implikationen in den Mittelpunkt rückte.


„ILLEGAL. Street Art Graffiti 1960-1995“-Ausstellung im Historischen Museum Saar

Der renommierte Kunsthistoriker Dr. Ulrich Blanché widmete sich in seiner „Illegal“-Ausstellung der tiefgreifenden Erforschung der frühen Street Art- und Graffiti-Geschichte, noch bevor diese zu einem öffentlichen und kommerziellen Phänomen wurde. Blanché räumte dabei mit einigen Mythen auf, die sich hartnäckig in der Szene halten. So zum Beispiel, dass die Inspiration für den britischen Street-Art-Star Banksy keineswegs – wie oft behauptet – vom französischen Pionier Blek le Rat herrührt. Vielmehr verlaufen die Verbindungen und Inspirationsquellen auf ganz anderen, überraschenden Bahnen, so Blanché bei seiner Führung.



Die Ausstellung erwies sich dabei als ein fein kuratiertes, multimediales Gesamtkunst­werk: Projektionen an Wänden und Böden, Videos, Plattencover, detailgetreue Nachbildungen und Originalschablonen schufen eine authentische Atmosphäre. Besonders erfrischend war, mit welcher Expertise und Enthusiasmus Blanché durch die Ausstellung führte: So verwies er an vielerlei Stellen auf Schnittstellen und bezog Inhalte, Jahreszahlen, Ereignisse und Artefakte aufeinander – dies eröffnete ganz neue Blickwinkel. Mit seiner bahnbrechenden Ausstellung und Erforschung der frühen Street Art vor 1995 entwickelte Blanché letztlich ein vielschichtiges Netzwerk an Verbindungen und legte künstlerische und kulturelle Verflechtungen offen, die bis dato unentdeckt blieben. Blanché gelang es, mit seiner Erforschung der frühen Street-Art-Geschichte ein ganz neues Kapitel Kunstgeschichte zu schreiben. Seine detaillierte Aufarbeitung wird fortan als Status Quo in die Street Art-Geschichtsschreibung eingehen, sein zugehöriger Ausstellungskatalog als unverzichtbares Referenzwerk verankert sein. 


Zwischen Urban Art und Straßengeschichten: Völklinger Hütte x Die Gesellschaft der Stadtwanderer

Das UNSECO-Weltkulturerbe Völklinger Hütte ist auch ohne laufende Urban Art Biennale einen Besuch wert – mit jedoch umso mehr. Die Führung durch das riesige Industriedenkmal mit seiner unverkennbaren, rauen Ästhetik eröffnete vielerlei Fotomotive und führte an teils bekannten, teil weniger bekannten (monumentalen) Wandmalereien vorbei. Nicht weniger interessant gestaltete sich jedoch der Gang entlang der Studios der ansässigen Kunstakademie, welcher einen unverfälschten Einblick in die kreativen Prozesse der Studierenden gewährte.



Doch während die Völklinger Hütte ein eindrucksvolles Denkmal der Industriegeschichte und Kunstbegegnung darstellt, verdeutlichte der französische Künstler und Kurator Matthieu Tremblin, dass die wahre Geschichte Völklingens nicht nur innerhalb dieses kulturellen Raums erzählt wird. Mit seiner Führung lenkte Tremblin den Blick bewusst weg vom Weltkulturerbe, hinein in die Stadt Völklingen selbst – vorbei am Einkaufsriesen Globus, der seit Jahren eine physische und symbolische Grenze zwischen Stadt und Museum zu markieren scheint. Der Weg führte durch Viertel mit stillgelegten Ladenlokalen, die von wirtschaftlich lebhafteren Zeiten zeugen, über enge Gässchen und verborgene Hinterhöfe bis hin zu scheinbar verlassenen, sogenannten „Un-Orten“.

Der Hintergrund? Im Jahr 2024 initiierte Tremblin das Projekt „Die Gesellschaft der Stadtwanderer“, in dessen Rahmen eine Gruppe internationaler Künstler:innen siebzig subtile Interventionen im urbanen Raum Völkingens umsetzte. Inspiriert von anonym mitgeteilten Mikrogeschichten der Bürger:innen, entstanden Werke, die auf einer öffentlich zugänglichen Open-Source-Karte dokumentiert sind und dazu einladen, die Stadt neu zu entdecken.

Diese subtilen Eingriffe beschäftigen sich mit der historischen und kulturellen Identität der Stadt. Sie erweitern diese um individuelle wie kollektive Erzählungen und eröffnen neue Perspektiven auf das, was Erinnerung und Zugehörigkeit in einem urbanen Raum bedeuten können. Dabei zeichnen sie sich durch eine fein austarierte Umsetzung aus: Der Grad der physischen Eingriffe bleibt minimal und oft reversibel, sodass sie keine provokativen Sachbeschädigungen darstellen, sondern in den Dialog mit dem öffentlichen Raum treten.



Tremblins Projekt „Die Gesellschaft der Stadtwanderer“ zeigt, wie Kunst nicht nur in musealen Räumen zu finden ist, sondern subtil und elegant mit den unscheinbaren Orten des Alltags verwoben werden kann. Es rückt die scheinbar unspektakulären Orte der Stadt Völklingen in den Mittelpunkt, verleiht ihnen eine neue Perspektive – und erweckt so den Geist der Gemeinschaft und Erinnerung in der Stadt zum Leben. Dies wirft nicht nur einen frischen Blick auf das Verhältnis zwischen Urban Art und Gedächtnispraxis, sondern regt die Besucher:innen auch dazu an, die Geschichte einer Stadt aus neuen Blickwinkeln zu erleben.


Unlook Book Showcase und Artist Residencies: Interdisziplinäre Text- und Bildfragmente

Parallel zur Konferenz fand eine kleine Buchmesse statt. Diese bot den Besucher:innen ein Angebot an zahlreichen, teils exklusiv erhältlichen Publikationen und Sammlerstücken. Die Auswahl reichte von Fachliteratur bis hin zu Bildbänden, Magazinen und Katalogen, die zum Stöbern, Lesen und Kaufen einluden. Hier kamen Liebhaber:innen von Street Art- und Graffiti-Printerzeugnissen auf ihre Kosten. Umgesetzt wurde die Messe in Zusammenarbeit mit der renommierten Pariser Buchhandlung Le Grand Jeu.

Währenddessen sorgten in Saarbrücken verschiedene Street-Art-Pioniere für subtile künstlerische Interventionen: Der französische Künstler OX installierte eine Reihe von Auftragsarbeiten auf säulenförmigen Plakatwänden. Seine Werke, die für ihre spielerische Nutzung von Werbung und urbanen Formen bekannt sind, fügten sich nahtlos in das Stadtbild ein und luden die Betrachter:innen dazu ein, den Raum neu wahrzunehmen. Parallel dazu war OX auch im Kunstraum Automat vertreten, wodurch seine Arbeiten eine Brücke zwischen Kunst im öffentlichen und im musealen Raum schlugen. Antonio Gallego, Mitglied des historischen französischen Kollektivs „Banlieue-Banlieue“, brachte archivbasierte Kunst und ortsbezogene Interventionen im Stadtraum zusammen: Seine Arbeiten, die auf historischen Dokumenten und städtischen Erzählungen basierten, reflektieren sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart des urbanen Raums und betonen so die Interaktion zwischen Geschichte und Gegenwartskunst.



Auf diese Weise präsentierten sich die Buchmesse und die künstlerischen Interventionen als ergänzende Programmpunkte der Konferenz, da sie den Teilnehmenden – zusätzlich zur theoretischen und diskursiven Auseinandersetzung mit Street Art und Graffiti – einen direkten Zugang zur visuellen und materiellen Kultur dieser Szenen boten.


Ein filmreifer Abschluss

Abgerundet wurde die Konferenz mit einem vielschichtigen Filmprogramm, das die Vielfalt und den gesellschaftlichen Einfluss der urbanen Kunst aus verschiedenen, teilweise noch einmal anderen Blickwinkeln beleuchtete. So zum Beispiel der Film „Written in Chalk. The Echo of Arthur Stace“ (2022) des Australischen Produzenten Richard Attieh, der die Geschichte des weit über die Stadtgrenzen Sydneys hinweg bekannten „Eternity“-Schriftzugs beleuchtete. Der Film dokumentiert die persönliche Geschichte des Mannes hinter diesem ikonischen Wort und zeigt, wie seine scheinbar einfache Botschaft tief in die kulturelle Identität der Stadt eingebettet ist.

Oder der Film „Here and Not Elsewhere“ (2023) der Regisseurin Kristina Borhes, der die Entwicklung des französischen Festivals Bien Urbain in Besançon nachzeichnet. Dabei gelingt Borhes nicht nur eine Reflexion über die Motive und Werte, die dieses renommierte Festival prägen, sondern auch eine filmische Hommage an die künstlerischen und gesellschaftlichen Dynamiken, die es auszeichnen.

Mit „With One Eye Open“ (2024) führte der niederländische Kurator Jasper Van Es das Filmprogramm noch einmal in eine völlig andere Richtung. Sein Film, der als Erweiterung und Begleitung zur gleichnamigen Ausstellung entstand, verbindet Graffiti, Fotografie und Film zu einem kreativen Dialog dreier Kunstformen – und bedient sich dabei einer völlig anderen filmästhetischen Klaviatur: In einer multiperspektivischen Reflexion über die Rolle der Fotografie im Graffiti zeigt der Film, wie Dokumentation nicht nur das Kunstwerk erweitert, sondern selbst zum künstlerischen Prozess wird. Oder anders ausgedrückt: Der Film stellt sich als multiperspektivische Hommage an die Rolle der Fotografie im Graffiti dar, inszeniert durch die Linse des Mediums Films. Die visuelle Erzählung spielt dabei bewusst mit Ästhetik, Perspektive und Emotion und erschafft so eine spannende Schnittstelle zwischen den unterschiedlichen Disziplinen.


Art & Place: Nachklang und Vision

Die Konferenz „Art & Place“ in Saarbrücken bot der internationalen akademischen Street-Art- und Graffiti-Community eine wertvolle Plattform. Mit einem abwechslungsreichen Programm – von fundierter historischer Aufarbeitung und neuen Perspektiven über kreative Schauplätze wie die Völklinger Hütte bis hin zu Filmvorführungen und lebendiger Kunst im öffentlichen Raum – zeigte die Konferenz, wie vielseitig und facettenreich die Beschäftigung mit urbaner Kunst sein kann. Sie lud dazu ein, Street Art und Graffiti als Teil eines breiteren kulturellen Narrativs wahrzunehmen – vielschichtig, dynamisch und stets im Dialog mit den Diskursen der Zeit. Am Ende war „Art & Place“ aber insbesondere auch das, was diese Art Zusammenkünfte so ausmacht: Austausch. Gemeinschaft. Inspiration. Und eine Vision, die sich langsam aber sicher institutionalisiert hat – ohne dabei steif zu werden.

200 views

Categories

Tags:

Katja Glaser
Katja Glaser has a doctorate in media studies and works as a freelance author and copywriter in Cologne. She has already published numerous essays on street art and graffiti. Her monograph “Street Art and New Media. Actors – Practices – Aesthetics” was published by transcript in 2017.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

zwölf − 2 =