„Golden Tree for Fake Hope“ am Haus der Kulturen der Welt
Das temporäre Wandgemälde „Golden Tree for Fake Hope“ am Haus der Kulturen der Welt Berlin erinnert an die vergessenen Soldat*innen, die Europa mit befreit haben
Oft als Kanonenfutter verspottet, wurden die aus den Kolonien stammenden Soldatentruppen der Tirailleurs ab dem 19. Jahrhundert von Frankreich in beiden Weltkriegen und während vieler anderer kolonialer Operationen zur Bekämpfung von Aufständen eingesetzt –, und in erster Linie zur Sicherung Westafrikas und anderer Kolonien. Sie stammten nicht nur aus dem Senegal, sondern aus einer Vielzahl anderer französischer Kolonien: die Tirailleurs Algériens aus Französisch-Nordafrika (Algerien, Tunesien und Marokko), die Tirailleurs Malgaches aus Madagaskar und die Tirailleurs Indochinois aus Französisch-Indochina, darunter Annam, Tonkin und Kambodscha. Mit circa 200.000 Soldaten kämpften sie im. 1. Weltkrieg als auch im 2. Weltkrieg an der Seite weißer Soldaten, und trugen entscheidend zur Befreiung Europas vom Nationalsozialismus bei.
Diesem dunklen Thema der Kolonialgeschichte und den bis heute meist marginalisierten Geschichten der Tireilleurs, der Frauen und Nachkommen dieser, widmet das Haus der Kulturen der Welt (HKW) in Berlin ein wichtiges Ausstellungs- und Forschungsprojekt. Es begreift hier die Tirailleurs als Avantgarde, nicht nur im militärischen Sinne, sondern auch politisch und kulturell, wie ihre Rolle in den dekolonialen Befreiungsbewegungen bezeugt.
Unter den Kunstwerken von mehr als dreißig internationalen Künstler*innen verschiedener Generationen befinden sich vierzehn neue Auftragsarbeiten. Archivmaterialien, Forschungsergebnisse von fünf Kunsträumen und Kollektiven aus dem Ausland, sowie ein Filmprogramm trägt zu dieser Aufarbeitung bei, und alle Beiträge unterstreichen die aktuelle Relevanz der Geschichte der Tirailleurs für Künstler*innen, Filmemacher*innen und kulturelle Akteur*innen.





Eine wichtige Auftragsarbeit ist das temporäre Wandbild an der Balustrade der „schwangeren Auster“ des marokkanischen Künstlers Yassine Balbzioui. Seine künstlerische Arbeit beschäftigt sich mit Geschichte und sozialer Realität, die er mit Malerei wie auch Wandmalerei, Performances, Wandteppichen und Installationen zum Ausdruck bringt. Während seines Studiums an der Kunsthochschule in Casablanca in 1993, sowie dem folgenden Studium der Konzeptkunst an der École supérieure des Beaux-Arts de Bordeaux, wurde er mit dem Thema der Tirailleurs konfrontiert. Die Geschichten ihres Lebens und ihre – oft vergeblichen – Forderungen nach Anerkennung und Reparationen hatten einen nachhaltigen Einfluss auf seine Arbeit. Balbzioui’s figurativen Malereien transportieren immer Geschichten von Menschen in einer Art Chaos-Kosmos, die sich mit Aufrichtigkeit und Heuchelei, Wahrheit und Lüge auseinandersetzen. Der Mensch und die Maske sind ein wiederkehrendes und zentrales Motiv, das seine Vision einer auf dem äußeren Schein basierenden Gesellschaft widerspiegelt und somit Identitäten hinterfragt. Das Fehlen menschlicher Gesichter fällt in seinem Schaffen besonders auf, sowie Tiere, Mischwesen, die somit auf symbolische Bestiarien und Verhaltensweisen verweisen, die Tier und Mensch näherbringen.



Seine expressive Pinselführung, geleitet aus seiner performativen Praxis, schafft ausdrucksstarke Figuration in einer kompositorischen Struktur, die teilweise an Theaterkulissen erinnert. Für Tirailleurs hat Balbzioui ein 70m-langes temporäres Wandbild auf Planen an der Balustrade der Fassade vom Haus der Kulturen der Welt geschaffen. In blau-lila-roten Tönen entwickeln sich hier wie auf einer Filmrolle verschiedene Szenen nebeneinander und laden ein – an der Fassade entlang laufend – sich mit teils mysteriösen, kryptischen Abbildungen mit der Geschichte und Erinnerung der Tirailleurs auseinanderzusetzen.


Balbzioui’s Wandbilder, die sowohl in Innenräumen und Außenraum entstehen, verstehen sich generell als einen Vorschlag – als eine offene Gestalt –, die sich in einer kollektiven Erfahrung konkretisiert. Yassine Balbzioui lebt und arbeitet in Marrakesch und Marseille.
Zu seinem Wandbild und seiner Arbeit beantwortete Yassine Balbzioui uns einige Fragen:
Aus wie vielen Teilen besteht dieses Wandbild, wie groß ist es und mit welcher Technik hast du auf dieser Leinwand gemalt?
Es handelt sich um eine 70 Meter lange Leinwand, die in sieben Teile unterteilt ist. Ich habe Acryltinte auf Leinen verwendet.
Wo hast du es gemalt, und wie lange hast du daran gearbeitet?
Ich hielt es für wichtig, vor Ort zu arbeiten, deshalb war ich einen Monat lang in Residenz vor Ort, um das Werk zu schaffen.
Inwiefern hast du eine persönliche Verbindung zu diesem speziellen Thema der kolonialen Vergangenheit und wie gehst du damit um?
Auch wenn ich sagen kann, dass ich eine Verbindung dazu habe, weil ich Marokkaner bin und aus der Nachkommenschaft jener Generation stamme, habe ich doch auch eine persönliche Geschichte. Als ich 1996 als Kunststudent nach Bordeaux kam, landete ich an einem Ort, an dem ehemalige Soldaten untergebracht waren. Diese Erfahrung hat mir Einblicke verschafft und mich für dieses Thema sensibilisiert.
Wie hast du die verschiedenen Szenen geplant, die du darauf gemalt hast? Hast du vorher Skizzen von Szenen oder Ideen angefertigt? Hast du Archivmaterial als Inspiration genutzt?
Im Rahmen des vom HKW veranstalteten Workshops konnte ich mich mit Materialien, Archiven und Filmen auseinandersetzen. Das half mir dabei, die Skizzen fertigzustellen, die später als Grundlage für das Werk dienten.


Kannst du deinen Arbeitsprozess für dieses Werk und für die Ikonografie zum Thema der Tirailleurs beschreiben?
Immer wenn ich an einem Thema arbeite, tauche ich wie ein Kind darin ein – und versuche, mich von Stereotypen zu lösen, um meine Sichtweise nicht zu beeinflussen. Ich sammle so viel Material wie möglich, um eine umfassende Reflexion und eine 360-Grad-Perspektive zu erhalten. Dann beginne ich zu zeichnen, Fotos zu machen und Collagen zu erstellen. Diese Collagen werden zum Ausgangsmaterial für das endgültige Werk.
Hast du eine bestimmte Erzählstruktur von links nach rechts entwickelt, so wie bei einem Filmstreifen?
Die Struktur der Wand selbst, mit der Treppe in der Mitte, erforderte eine filmische Aufteilung. Das Werk wurde fast wie eine Filmsequenz konzipiert und speziell für diese Wand geschaffen.
Diese nebeneinander angeordneten Szenen mit unterschiedlichen Motiven wirken rätselhaft und symbolisch. Gibt es Symbole, die du benennen und erklären kannst?
Beim Anschauen von Filmen und bei meinen Recherchen habe ich Elemente wie Medaillen, Seile, spritzerartige Motive, Trophäen und andere Symbole herausgefiltert. Diese Motive sprechen indirekt über das Thema. Es ist für mich auch eine Möglichkeit, nicht in die Falle zu tappen, über ein Thema zu urteilen, das ich nicht selbst erlebt habe.
In deinen Werken haben Menschen keine Gesichter, tragen Masken oder haben Tierköpfe. Inwiefern passt das zu diesem historischen Thema?
Meine Beziehung zur Maske begann 2004 während eines persönlichen Erlebnisses im Grand Palais in Paris. Das brachte mich auf die Idee, Pinocchio und Masken als Themen zu behandeln. Mit der Zeit wurde dieses persönliche Erlebnis zum Anlass, mich mit anderen Themen auseinanderzusetzen. Eine Maske ermöglicht es mir, Geschichten freier zu erzählen.

Du hast dieses Werk „Golden Tree for Fake Hope“ genannt. Kannst du den Titel erklären? Was ist der goldene Baum?
In einem der Filme sagte jemand: „Eine Medaille ist mir egal.“ Ich habe mich schon immer für Symbole interessiert, besonders für Medaillen, die im Zusammenhang mit etwas äußerst Komplexem verliehen werden. Als ich mit fünfzehn Taekwondo trainierte, fiel mir auf, wie sich alle um das Symbol der Medaille scharten. Eines Tages stahl jemand die Medaillen, und die Frustration, die darauf folgte, ließ mich ihre Rolle hinterfragen und darüber nachdenken, ob sie Schmerz oder Opfer wirklich kompensieren. Deshalb frage ich mich: Wenn wir sagen, eine Medaille sei „Gold“, ist sie dann wirklich „Gold“?

Welche Szene ist in deinen Augen die eindringlichste oder wichtigste?
Alle Szenen sind wichtig, denn jede funktioniert für sich allein, aber auch als Teil eines größeren Ganzen, wie bei einem Film.


Du hast mehrere Wandmalereien realisiert, sowohl im Innen- als auch im Außenbereich. Weißt du, wie viele es sind und seit wann?
Das kann ich nicht wirklich beantworten, weil es so viele Wände waren. Aber das erste Wandbild, das ich nennen kann, befindet sich in Rabat und entstand 2016 während eines Festivals namens Jidar. Ich habe die Wand wie eine Leinwand behandelt: Ich habe gemalt und bin dann zurückgetreten, um das Ergebnis zu betrachten. Obwohl ich eigentlich kein Urban artist bin, hat mich diese Erfahrung Wandbilder schätzen lassen, weil die Interaktion im Freien viel freier ist als in geschlossenen Räumen.
Für welche Art von Veranstaltung oder Einrichtung?
Das hängt vom Kontext ab: Sammler, die Straße, Festivals und Institutionen. Diese Vielfalt gefällt mir, weil jede Situation den Charakter der Arbeit verändert.
Musstest du vor dem Malen eines dauerhaften Wandbildes eine Skizze oder einen Entwurf anfertigen? Und gab es immer ein vorgegebenes Thema?
Nicht unbedingt. Jeder Kontext bringt seine eigenen Regeln mit sich, ähnlich wie ein Schauspieler, der sich an einen Film anpasst und lernt, eine Rolle zu meistern.
Wurdest du in der Vergangenheit auch zu Festivals für urbane Kunst eingeladen?
Ja, vor allem durch Projekte wie das Jidar-Festival in Rabat, durch das ich die Wandmalerei im öffentlichen Raum entdecken und schätzen lernen konnte.
Wie groß ist dein größtes Wandbild, wo befindet es sich und ist es dauerhaft?
In Fès gibt es ein Werk, das 36 mal 7 Meter misst. Ich habe dabei sogar sechs Kilogramm abgenommen, da es damals sehr heiß war – die Temperatur stieg während der Arbeit auf 45 °C. Es befindet sich an einem Ort, den man als Autofriedhof bezeichnen könnte. Das für mich wichtigste Wandbild bleibt jedoch das erste in Rabat.


Vor welchen besonderen Herausforderungen stehst du bei der Gestaltung großer Wandbilder?
Bei großen Wandbildern entsteht die Meisterschaft bereits im Modell oder in der Maquette, nicht erst während der Ausführung. Das ist es, was mich an diesem Medium am meisten interessiert.
Verwendest du immer Acrylfarbe auf Leinwand und an Wänden?
Ich verwende oft Acrylfarbe, weil sie schnell trocknen; allerdings liebe ich auch die Ölmalerei. Für mich bestimmt das Motiv selbst die Technik.
Arbeitest du gerne im Freien an Wänden, und bist du dabei im öffentlichen Raum mit einem größeren Publikum in Kontakt gekommen?
Im Freien ist die Interaktion freier als in Galerien, Museen oder geschlossenen Räumen. Man steht ständig im Dialog mit der Umgebung und den Menschen um einen herum. Das ist sowohl faszinierend als auch sehr schwierig.
Wenn ja, welche Art von Gesprächen haben dir besonders gefallen?
Ich schätze frische Diskussionen mit einem neuen Vokabular, denn Menschen außerhalb der Galeriewelt drücken sich anders und spontaner aus.
Möchtest du mehr und größere Wandbilder schaffen?
Natürlich. Man muss es einfach versuchen.
Vielen Dank für deine Zeit und viel Erfolg bei deinen zukünftigen Projekten!

Tirailleurs – Von Kanonenfutter zu Avantgarde – Die vergessenen Soldat*innen, die Europa befreit haben, Haus der Kulturen der Welt Berlin, 21.3.–14.6.2026
Mit Werken von: Kader Attia, Yassine Balbzioui, Anguezomo Nzé Mba Bikoro, Kathleen Bomani, Halida Boughriet, Tiffany Chung, Binta Diaw, Godfried Donkor, Juan-Pedro Fabra Guemberena, Abrie Fourie, Othon Friesz, Pélagie Gbaguidi, Nadia Kaabi-Linke, Daniel Lind-Ramos, Mónica de Miranda, Oscar Ngu Atanga, Tuấn Andrew Nguyễn, Josèfa Ntjam, Mario Pfeifer, Slavs and Tatars, El Hadji Sy, Pascale Marthine Tayou, Dior Thiam, Barthélémy Toguo, Félix Vallotton, Francisco Vidal, Hana Yoo.
Filmprogramm mit Beiträgen von: Rachid Bouchareb, Dalila Ennadre, Oumarou Ganda, Grégoire Georges-Picot, Idrissou Mora-Kpai, Kollo Daniel Sanou, Philip Scheffner, Ousmane Sembène & Thierno Faty Sow, Tony T. & Rebecca Goldstone, Futuru C.L. Tsai, Mathieu Vadepied
Recherchen in Zusammenarbeit mit : Alice Yard, Port of Spain, Ancrages, Marseille Cinémathèque de Tanger, Tanger, Hide and Seek Audiovisual Art, Taipei RAW Material Company. Center for Art, Knowledge and Society, Dakar
hkw.de/programme/tirailleurs
yassinebalbzioui.com
instagram.com/yassinebalbzioui
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