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Sonne im Schacht (Berlin, GER): 

, by Katia Hermann

Obskure Kreaturen im Stadtraum

Im Berliner Stadtraum findet man einige von deinen schwarz-weißen gestrichenen Kreaturen, auf Dächern, in Schächten, in Tunneln und Brückenpfeilern. 
Was bedeuten diese Kreaturen eigentlich für dich?

In erster Linie ist es meine Leidenschaft und irgendwie auch ein Teil meiner Identität. Ich habe dadurch das Gefühl aktiv und gestalterisch am öffentlichen Leben teilzunehmen. Aber natürlich ist es auch einfach ein Weg, um mich auszudrücken.


Laut deinem Fotoarchiv hast du ja klassisch mit Style Writing, also mit Buchstaben circa 2004 angefangen. Wie und wann hast du denn Graffiti Writing entdeckt?

Angefangen habe ich circa 2002/2003. Die ersten Einflüsse kamen durch meinen älteren Halbbruder, der immer sein Blackbook dabei, wenn er bei uns zu Besuch war. Später gab es einen Kumpel, der regelmäßig aus der Stadt zu uns aufs Dorf kam und mich mit Graffiti vertraut machte.


Hast du gleich und nur den Namen DERK gemalt?

Bevor ich den Namen „Derk“ gemalt habe, gab es noch andere Namen. Ich glaube, angefangen habe ich mit „Panik“.


Warst du damals schon Mitglied von einer Crew und bist du es noch, auch in mehreren?

Damals war ich Teil von zwei Brandenburger Crews. Heute bin ich eigentlich nur Teil der OSK-Crew.


Ja, stimmt, wann und wie hast du diese Crew kennengelernt?

Nachdem ich circa 2010 Riot1394 bei einer Ausstellung kennengelernt habe und wir danach regelmäßig zusammen gechillt haben, nahm er mich dann mit in die OSK-Crew auf. Überwiegend sind alle Mitglieder auch gute Kumpels wie Howtokillagraffiti, Dank, Dhos, Ghoo und einige andere. Sorry an die, die gerade vergessen hab :).



Wo bist du denn geboren und aufgewachsen?

Geboren wurde ich in Brandenburg an der Havel. Dort und in einem nahegelegenen Dorf bin ich auch aufgewachsen. 


Was hat dich in deiner Jugend denn so bewegt?

Bis zu einem gewissen Alter war das Leben auf dem Dorf wirklich großartig. Endlose Sommer an Badeseen und in der Natur sind in lebendiger Erinnerung. Als Sohn einer Lehrerin stieg dann irgendwann der Leistungsdruck und damit auch die Frustration in der Schule. In Kombination mit einem zum Großteil abwesenden Vater und dem steigenden Konsum von Rauschmitteln wuchs der Drang zur Rebellion. Graffiti war wahrscheinlich schon in frühen Jahren ein Weg auszubrechen aus etwas, in das ich nicht hineingepasst habe.


Hast du als Kind gezeichnet?

Als Kind habe ich viel Zeit damit verbracht Comicfiguren abzumalen. Zusammen mit einem Kumpel habe ich mal einen „DragonBall-Art-Club“ gegründet. Der hatte sogar einen Aufnahmetest und eigene, selbst gestaltete Visitenkarten.


Warst du Fan von Comic und Cartoons?

Ich war süchtig nach Cartoons im Fernsehen. Der Sonntagmorgen mit Bugs Bunny und dem Road Runner war heilig.


Was für Musik hast du als Jugendlicher gehört?

Ich glaube bevor ich jahrelang Rap gehört habe, habe ich eher rockiges Zeug gehört. Als Jugendlicher war es auch immer eine Mischung aus Rock und Rap.


Warst du früher alleine oder mit anderen zum Sprühen unterwegs?

Bevor ich nach Berlin gezogen bin, war ich nachts meistens mit anderen unterwegs. Hier in Berlin war ich zu 90% allein auf Action.


Was hat dich an Buchstaben interessiert?

Das Interesse an Buchstaben kam wahrscheinlich durch das Betrachten anderer Graffiti.


Welche Writer haben dich denn anfangs inspiriert?

Inspiriert haben mich am Anfang die Locals in meiner Stadt. Irgendwann kamen dann durch Magazine, wie z.B. Backspin, auch andere Inspirationsquellen dazu. Extrem begeistert hat mich POET aus Berlin.



Dein Style war ja schwungvoll und teilweise komplex, wie Wild Style. Wie würdest du im Rückblick deinen Buchstabenstil beschreiben?

Style mäßig wollte ich es immer möglichst schwungvoll, dynamisch und etwas aggressiv haben. Beim Sprühen sollten sich die Bewegungen und Schwünge immer ein bisschen nach Kampfsport anfühlen.


Ab wann hast du die Buchstaben denn ganz weggelassen und aus welchem Grund?

Ich glaube, den letzten Style habe ich 2022 gemalt. Es hat sich ganz natürlich ergeben. Seitdem habe ich einfach keine Lust mehr darauf.


Wie kamst du zu deinen Kreaturen? Man erkennt ja deinen Stil. Hattest Du dafür Vorbilder?

Ich fand Character schon immer interessant. Als ich noch in der Vorstadt gewohnt habe und ab und zu mit dem Zug nach Berlin gefahren bin, sind mir vor allem die vielen KRIPOE-Fäuste aufgefallen. Als ich dann nach Berlin gezogen bin, haben mich die Character von BÖREK komplett fasziniert. Ich würde sagen, dass er auch den größten Einfluss auf die heutigen Sachen hat.

Auf die Sonne kam ich, weil ich gezielt überlegt habe welches Symbol später zu einer Art Markenzeichen funktionieren könnte. Ich dachte an Kinderzeichnungen und das Kinder (wie ich früher) oft eine Sonne in die obere Ecke des Bildes malen. Meine Überlegung war dann, ob es vielleicht cool wäre diese Sonnen aus diesem Kontext in einen anderen zu bringen.


Gibt es figurative Maler, die dich inspirieren?

Im Moment feiere ich die Arbeiten der Malerin Dana Schutz…


Ab wann hast du dich dann Sonne im Schacht genannt?

Der Name „Sonne im Schacht“ entstand 2017 glaube ich, als ich mehr und mehr in U-Bahn-Schächten unterwegs war.


Hast du erst mit Dose deine Characters gemalt? 

Ja, angefangen habe ich mit der Sprühdose.



Ab wann hast du mit Rolle/Pinsel gestrichen und aus welchem Grund?

Ich glaube das erste große Bild mit Farbrolle und Streiche entstand 2011. Besonders fasziniert an der Technik hat mich, dass die Bilder noch von hunderten Metern Entfernung zu sehen waren und sich dadurch eine Vielzahl neuer Möglichkeiten ergab.


Warum hast du dich für schwarz-weiße Motive entschieden und lässt Farbe weg?

Einige Arbeiten sind ja auch mit Farbe gemalt. Die ersten Streichbilder waren anfänglich gelb. Schwarz-weiß ergab sich dann aus den Arbeiten mit Sprühdose, da nichts besser deckt und kein Kontrast deutlicher wahrzunehmen ist als auch Chrom-Schwarz.


Wie entscheidest du dich für ein neues Motiv an einem Spot? 

Die Motivwahl ist entweder spontan und Freestyle oder längerfristig geplant. Ich würde sagen umso interessanter der Spot, umso mehr Gedanken mache ich mir über das Motiv vorher. Bei dem Feuertopf Rooftopbild z.B., dachte ich mir, es wäre cool, wenn es so aussieht als fliege ein Molotov-Cocktail auf den Potsdamer Platz. Es kommt aber auch vor, dass ich Motive vorher gesketcht habe, für die ich erst noch einen Spot finden muss.


Zeichnest du vorher die Kreatur auf Papier, bevor du sie an eine Wand streichst?

Eine Stachelsonne bekomme ich wahrscheinlich auch mit verbundenen Augen hin aber sobald neue Elemente oder Motive umgesetzt werden müssen, muss ich das natürlich vorher ein paar mal auf Papier zeichnen.


Zeichnest/sketchst du oft?

Durch das Tätowieren zeichne ich gerade wieder sehr regelmäßig.


Über die Jahre merkt man, dass du gut deine Spots aussuchst. Was ist für dich ein guter Spot?

Ein guter Spot sollte am Ende ein schönes Foto bringen und gleichzeitig sollte die Arbeit gut sichtbar sein.


Wie lange bereitest du dich denn auf deine nächste Intervention vor?

Die Vorbereitung hängt von den Bedingungen des Spots ab. Es kam schon vor, dass ich viermal ein Rooftop ausgecheckt habe, bevor ich dann gemalt habe.


Was gefällt dir daran am meisten?

Schwierige Frage, da die Sache unfassbar viele Facetten hat. Eines der besten Dinge ist nach einer erfolgreichen Aktion, am nächsten Tag, zwischen ahnungslosen Passanten zu stehen und das eigene Werk zu betrachten. Aber bei sternenklarem Himmel und leuchtendem Vollmond mitten in Berlin auf einem Dach zu stehen und schwitzend ein riesiges Bild aus dem Nichts entstehen zu lassen, ist auch ein überragendes Gefühl.


Sind für dich deine Aktionen politisch? Oder Graffiti überhaupt?

Manchen Arbeiten gebe ich einen politischen Bezug, anderen nicht. Das infrage stellen von Eigentum könnte dafür sprechen, dass Graffiti per se einen politischen Charakter hat. Jedoch würde ich vermuten, dass 90 % der Akteure keine politische Absicht dabei verfolgen und somit ist das meiste für mich auch nicht politisch.



Haben die Veränderungen Berlins-auch des urbanen Raums deine Arbeitsweise verändert?

Die omnipräsenten Verdrängungsvorgänge in Berlin haben sicherlich die Radikalität, mit der ich Arbeiten umsetze beeinflusst.


Inwiefern denn?

Das ständige Verschwinden von alternativen, nicht kommerziellen Räumen oder Menschen, die sich zu hohe Mieten nicht mehr leisten können, macht einen unfassbar traurig und wütend. Ich vermute, dass die Risikobereitschaft und der Anspruch an etwas auffälligere Spots auch dadurch stieg, dass ich mir unterbewusst immer ein Stück dieser Stadt zurückholen wollte. Das ist wahrscheinlich nicht besonders konstruktiv und vielleicht auch nicht mehr als eine emotionale Reaktion darauf, aber vielleicht motiviert es ja auch andere nicht nur passiv alles hinzunehmen.


Du malst auch auf Leinwand, machst Zeichnungen entwirfst auch Tattoos. Seit wann schaffst du auch Studioarbeiten?

Seit einiger Zeit bin ich stolzer Mitmieter eines Ateliers. Das war schon lange ein kleiner Traum von mir.


Und seit wann tätowierst du auch?

Seit letztem Jahr, 2024.


Was treibt dich weiterhin an im Stadtraum aktiv zu sein?

Die Motivation kommt und geht. Zwischendurch kann es auch mal zu einer längeren Pause kommen. Irgendwann wächst dann aber eine Art innerer Drang und das Suchen nach Spots geht wieder los.


Triffst du auf deinen nächtlichen Touren denn zufällig auch andere, die malen?

Noch nie passiert.


Man sieht immer mehr gesprühte Characters und figurative Arbeiten im Stadtraum seit ein paar Jahren, ob riesengroße Raupen, Fratzen, Figuren oder auch Gegenstände wie Mobiltelefone. Ist dir das auch aufgefallen, und kennst du manche Urheber?

Ist mir aufgefallen und ich feiere es sehr, dass andere die Möglichkeiten des Darstellbaren ausloten.


Wie siehst du die Entwicklung? Sind mehr Menschen im Stadtraum aktiv oder weniger als früher?

Ich glaube, Berlin ist mit Quantität und Qualität konstant am Start.


Gibt es ein Land oder eine Stadt, wo du noch nicht und gerne malen würdest?

Reisen wird es noch viele geben. Ein Traum wäre Südamerika.



https://www.instagram.com/sonne_im_schacht

Katia Hermann
French-German art historian, curator and writer. After her studies of art history and cultural management in Paris, Katia moved to Berlin in 2001. For twenty years, she has worked as a freelance exhibition-maker/curator, cultural manager, writer and translator. After working for documentary film- and exhibition productions, she curated thematic exhibitions of modern & contemporary art and photography for institutions, project spaces and galleries. She always endeavors to promote artists with contemporary relevant topics, new visual languages, and tries to mediate to a wide public. After her research grant for fine arts with the topic Urban Art Berlin (Berliner Senate Department of Culture and Europe) in 2017, she initiated and coordinated the Urban Art Week in Berlin in 2018 and 2019. The photo exhibition BERLIN: WRITING GRAFFITI started 2019 to tour to Brussels with a publication. Beside her curatorial practice, Katia gives art tours and writes about urban art, contemporary art, and in particular about post-graffiti painters for magazines and blogs.

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